Zilda Arns: Die Ärztin aus der Familie

|Alexander Arns
Briefmarke Zilda Arns

Im ersten Teil dieser Reihe habe ich erzählt, wie eine Lesung in Pünderich mich noch einmal an eine Familientatsache erinnert hat, die bei uns eigentlich immer bekannt war, aber nie richtig ausgesprochen: dass wir mit einer Familie Arns in Brasilien verwandt sind, die dort weit mehr bewirkt hat, als ich als Kind ahnen konnte. In diesem Teil geht es um eine Person aus dieser Familie, die mich beim Recherchieren am meisten beeindruckt hat: Zilda Arns, Kinderärztin, jüngere Schwester von Kardinal Paulo Evaristo Arns und Gründerin eines der größten Kinderhilfswerke Lateinamerikas.

 

  • Zilda Arns Neumann wurde am 25. August 1934 in Forquilhinha, Santa Catarina, als Tochter der aus Reil ausgewanderten Eltern Gabriel Arns und Helena Steiner geboren.
  • Als Kinderärztin gründete sie 1982/83 die Pastoral da Criança, ein kirchliches Hilfsnetzwerk gegen Kindersterblichkeit in Brasilien.
  • Die Organisation wuchs auf rund 262.000 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen in etwa 20 Ländern und betreute laut Chronik der Gemeinde Reil im Jahr 2005 rund 1,8 Millionen Kinder.
  • Zilda Arns starb am 12. Januar 2010 beim Erdbeben in Port-au-Prince, Haiti, während sie dort einen Vortrag hielt.
  • Sie wurde mehrfach für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und 2010 mit einer eigenen brasilianischen Briefmarke geehrt.

Eine Kinderärztin aus einer Auswandererfamilie

Zilda Arns Neumann kam am 25. August 1934 in Forquilhinha zur Welt, einer kleinen Stadt in Santa Catarina, die ihr Vater Gabriel Arns mitgegründet hatte. Ihre Eltern, Gabriel Arns und Helena Steiner, stammten beide aus der Moselgegend um Reil. Das steht nicht nur in unseren eigenen Familienerzählungen, sondern auch schwarz auf weiß in der Chronik der Gemeinde Reil – Tausend Jahre Reil, herausgegeben von unserer Ortsgemeinde. Zilda war die jüngere Schwester von Paulo Evaristo Arns, der später als Erzbischof von São Paulo und Kardinal bekannt wurde (Zilda Arns, Wikipedia).

Sie studierte Medizin und spezialisierte sich auf Kinderheilkunde, arbeitete jahrelang als praktizierende Ärztin. Nichts an diesem Lebenslauf deutete zunächst darauf hin, dass daraus einmal eine der größten zivilgesellschaftlichen Bewegungen Brasiliens werden würde. Der Anstoß dazu kam, wie so oft in dieser Familie, über ihren Bruder.

Der Anruf, der alles veränderte

Anfang der 1980er-Jahre sprach James Grant, damals Exekutivdirektor von UNICEF, bei einer UN-Weltfriedenskonferenz in Genf Kardinal Paulo Evaristo Arns auf ein Problem an, das Brasilien damals besonders hart traf: die hohe Sterblichkeit unter Säuglingen und Kleinkindern, vor allem in den ärmeren Regionen des Landes. Der Kardinal, so erzählt es die Familie und auch die Chronik der Gemeinde Reil, dachte sofort an seine Schwester, die Kinderärztin. Er rief sie an. Zilda Arns überlegte kurz und sagte zu.

Aus dieser Zusage wurde 1982/83 die Pastoral da Criança, ein kirchlich getragenes Netzwerk, das mit einfachsten Mitteln gegen Kindersterblichkeit und Mangelernährung kämpfte: Aufklärung über Stillen, Hygiene, Rehydrationslösungen bei Durchfallerkrankungen, regelmäßige Gewichtskontrollen bei Kleinkindern, organisiert von freiwilligen Helferinnen direkt in den Gemeinden. Wer heute nach der offiziellen Gründungsgeschichte der Organisation sucht, findet auf der Website der Pastoral da Criança formal Dom Geraldo Majella Agnelo als kirchlichen Mitgründer genannt. Die Familienerzählung und die Reiler Chronik beschreiben den Anruf des Kardinals als den entscheidenden Anstoß für Zildas Engagement. Beide Versionen schließen sich nicht gegenseitig aus, sie erzählen nur unterschiedliche Ausschnitte derselben Gründungsgeschichte, und ich will hier keine der beiden für die einzig richtige erklären.

Wie aus einer Idee ein Netzwerk mit hunderttausenden Freiwilligen wurde

Was danach passierte, ist der Teil, der mich beim Lesen am meisten überrascht hat. Die Pastoral da Criança blieb kein lokales Projekt, sondern wuchs über Jahrzehnte zu einem der größten Solidaritätsnetzwerke Lateinamerikas. Laut Chronik der Gemeinde Reil zählte die Organisation rund 262.000 ausgebildete ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und war in etwa 20 Ländern aktiv. Im Jahr 2005 betreute sie nach dieser Quelle rund 1.817.000 Kinder.

Der Effekt lässt sich an einer einzigen Zahl ablesen, die mich beim ersten Lesen innehalten ließ: In den von der Pastoral da Criança betreuten Gemeinden sank die Kindersterblichkeit laut derselben Quelle von 56 auf 15 pro Tausend Geburten im Vergleich der Jahre vor und nach dem Einsatz des Programms. Das ist kein abstrakter Erfolg. Das sind Kinder, die heute leben, weil eine Nachbarin oder eine ehrenamtliche Helferin regelmäßig vorbeikam und nach ihrem Gewicht fragte.

Für dieses Engagement wurde Zilda Arns mehrfach für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Wie oft genau, wird in verschiedenen Quellen unterschiedlich angegeben, deshalb lasse ich die genaue Zahl hier bewusst offen. 2023 wurde sie postum in das brasilianische Buch der Helden und Heldinnen des Vaterlandes aufgenommen.

Der 12. Januar 2010

Zilda Arns starb am 12. Januar 2010 beim Erdbeben von Port-au-Prince in Haiti. Sie war dort, um ein Projekt der Pastoral da Criança vorzustellen, und hielt gerade einen Vortrag in einer Kirche vor Ordensleuten, als das Beben zuschlug. Nach einer Zeugenaussage wurde sie vom einstürzenden Dach am Kopf getroffen (Senádo Notícias). Sie war 75 Jahre alt.

Die Reaktion in Brasilien zeigt, was diese Frau für das Land bedeutet hatte. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva nahm persönlich an ihrer Aufbahrung in Curitiba teil, dem Sitz der Erzdiözese ihres Bruders. Noch im selben Jahr gab die brasilianische Post eine Briefmarke zu ihren Ehren heraus, im Rahmen einer MERCOSUL-Gemeinschaftsausgabe mit dem Titel „2001–2010 Década da Cultura de Paz – Homenagem a Zilda Arns" (Wert: R$1,45). Auch dieses Motiv ist in der Chronik der Gemeinde Reil abgebildet und wir haben auch eine solche Briefmarke.

Nachtrag: Der Besuch ist jetzt belegt – in der Reiler Grundschule

Im ersten Teil dieser Reihe hatte ich von einer verschwommenen Kindheitserinnerung geschrieben, dass Zilda Arns einmal in Reil war, ohne das genauer belegen zu können. Inzwischen habe ich den Beleg gefunden.

Das Trierer Bistumsblatt Paulinus berichtete in seiner Ausgabe vom 4. Dezember 2005 ausführlich davon. Am Morgen des 25. November 2005 besuchte die damals 71-jährige Zilda Arns Neumann als Adveniat-Gast eine dritte Klasse der Grundschule Reil und erzählte den Kindern von ihrer Arbeit in Brasilien. Sehr anschaulich, wie es in dem Artikel heißt: „Wenn die Mutter in unserem Land früher kochen wollte, musste erst eines der Kinder zum Brunnen laufen und Wasser in Eimern herantragen. Das ist ganz schön schwer, wisst ihr?“

Der Artikel bestätigt auch noch einmal unabhängig, was ich bereits aus der Chronik der Gemeinde Reil und dem Buch MoselbrasilianerInnen kannte: dass Gabriel Arns und Helena Steiner, die Eltern von Zilda und dem späteren Kardinal, im 19. Jahrhundert von Reil nach Brasilien ausgewandert waren. Bei einem Pressegespräch am Nachmittag desselben Tages in Koblenz nannte Zilda Arns außerdem konkrete Zahlen zu ihrer Arbeit: Zu diesem Zeitpunkt leitete sie das Netzwerk bereits seit 22 Jahren, mit über 251.000 ausgebildeten Mitarbeiterinnen. Als Beispiel für die Wirkung nannte sie die Gemeinde Florestópolis in Paraná, wo die Kindersterblichkeit von 127 auf 14 pro 1.000 Geburten gesunken sei. Adveniat habe allein im Jahr zuvor mehr als 1.500 Projekte in Brasilien mit rund 13 Millionen Euro gefördert, insgesamt jährlich über 4.200 Projekte mit rund 56 Millionen Euro.

Warum diese Geschichte für mich mehr ist als Familienstolz

Ich merke beim Schreiben dieser Reihe, wie unterschiedlich die beiden Geschwister ihre jeweilige Rolle ausgefüllt haben. Der Kardinal stand im Widerstand gegen eine Militärdiktatur, öffentlich, sichtbar, oft unter Lebensgefahr. Seine Schwester arbeitete leiser, näher an einzelnen Familien, aber mit einer Wirkung, die sich in nackten Sterblichkeitszahlen messen lässt. Beide sind aus derselben Familie hervorgegangen, die 1846 von Nikolaus Arns aus Reil begründet wurde, derselben Familie, aus der auch wir stammen. Im nächsten Teil geht es um den Kardinal selbst: seinen Widerstand gegen die Diktatur, das Dokumentationsprojekt Brasil: Nunca Mais und die Frage, wie viel Mut es gebraucht hat, sich damals öffentlich gegen ein Regime zu stellen.

Zum Schluss: ein Wein für diese Geschichte

Bei einer Geschichte, die im Kern von Fürsorge für Kinder handelt, wollte ich keinen Wein empfehlen, der einfach nur gut zur Erzählung klingt. Deshalb fällt meine Wahl diesmal auf unseren Weißen Traubensaft: gepresst aus denselben Trauben, die auch in unseren Weinen landen, nur ohne Vergärung. Ein Getränk, das an jedem Tisch stehen kann, an dem Kinder mit dabei sind, ohne Kompromisse in der Qualität. Es ist eine kleine, vielleicht etwas unerwartete Verbindung, aber sie passt zu einer Frau, die ihr Leben der Gesundheit von Kindern gewidmet hat.

Mehr zum Thema

Ferienwohnung entdecken Weinprobe buchen Zum Weinshop