Diesen Sommer bin ich zu einer Lesung nach Briedel eingeladen worden. Gert Eisenbürger und Gaby Küppers, die in Pünderich seit rund zehn Jahren im alten Bahnhof wohnen und ihn zu einem kleinen Museum für die Moseltalbahn umgebaut haben, hatten mir vorher Bescheid gesagt. Sie interessierten sich für unsere Familie, für die Arns aus Reil an der Mosel, wo meine Familie bis heute das Weingut Arns führt.
Denn dass wir mit den Arns in Brasilien verwandt sind, war bei uns eigentlich immer bekannt. Neu war für mich an diesem Abend etwas anderes: wie viel Gewicht diese Geschichte tatsächlich hat, und wie genau sie inzwischen dokumentiert ist – von Leuten, die sich intensiv damit beschäftigen, und nicht nur in der eigenen Erinnerung.
Ein Buch über Menschen, die alles zurückließen
Gaby und Gert haben lange für die Zeitschrift ila gearbeitet, die sich mit Lateinamerika beschäftigt. Küppers schreibt außerdem für den Freitag. Zwei Leute also, die wissen, wie man eine Geschichte recherchiert, bevor man sie erzählt. Ihr neues Buch MoselbrasilianerInnen, 2026 im Rhein-Mosel-Verlag erschienen, behandelt etwas, das an der Mosel kaum noch jemand präsent hat: dass im 19. Jahrhundert ganze Familien aus Dörfern wie Reil, Pünderich, Briedel und Zell nach Südbrasilien aufgebrochen sind, weil hier nicht genug für alle da war.
Für uns ist die Person, um die sich in diesem Buch fast alles dreht, kein Fremder. Es ist Nikolaus Arns, ein Winzer aus Reil an der Mosel und, wie sich später zeigen wird, ein direkter Vorfahre des brasilianischen Zweigs unserer Familie. Er heiratete zuerst Anna Margaretha Simonis, die vermutlich um 1835 starb, dann in zweiter Ehe Maria Elisabeth Klering. 1846 packte er mit vier Kindern aus seiner ersten Ehe zusammen und wanderte aus, gemeinsam mit mehreren Familien aus Briedel, darunter die Familie Back. Kein Einzelgänger also, sondern jemand, der mit halben Nachbarschaften aufgebrochen ist, weil es hier keine Perspektive mehr gab.
Was aus dieser Auswanderung wurde, ist der Teil, der mich am meisten überrascht hat – nicht, dass es sie gab, sondern wie weit die Wellen davon bis heute reichen.
Der Ururenkel Paulo Evaristo Arns
Nikolaus Arns' Ururenkel war Paulo Evaristo Arns, später Erzbischof von São Paulo und Kardinal. Dass es diesen Verwandten in Brasilien gab, wusste ich, wie gesagt, schon vorher.
Bisher waren die verwandtschaftlichen Verhältnisse nach Brasilien für mich zwei Dinge: gelegentliche Besuche von Brasilianern, die nach ihren Wurzeln suchten, und ein nicht unerheblicher Vorteil im Religionsunterricht für mich und meine Geschwister bei einem Lehrer, der offensichtlich ein großer Evaristo-Fan war.
Warum man sich so sehr für diesen Kardinal begeistern kann, hat mir die Lesung des Buches in Briedel besonders verdeutlicht!
Arns wurde 1921 in Forquilhinha geboren, einer Stadt in Santa Catarina, die 1912 von seinem Vater Gabriel Arns mitgegründet wurde – heute rund 32.000 Einwohner. Während der brasilianischen Militärdiktatur, die von 1964 bis 1985 dauerte, war er ein besonders engagierter Kirchenvertreter, die sich offen gegen das Regime stellten. Er stand hinter der Dokumentation Brasil: Nunca Mais – einem Projekt, das systematisch die Folter der Militärjustiz aufarbeitete, oft unter Lebensgefahr für die Beteiligten. Am 8. Juni 2026 wurde er dafür postum, gemeinsam mit mehreren Weggefährten, mit dem Troféu Audálio Dantas der Journalistengewerkschaft São Paulo geehrt – als Journalist, nicht nur als Kirchenmann.
Seine Schwester Zilda Arns gründete die Pastoral da Criança, eines der größten Kinderhilfswerke Lateinamerikas, und starb 2010 beim Erdbeben in Haiti. In einer Kindheitserinnerung kann ich mich an ihren Besuch in Reil erinnern. Leider konnte ich zu diesem Ereignis kein Bild finden. Sicher weiß ich aber noch, dass sie einen Vortrag im Reiler Pfarrhaus gehalten hat und später bei uns im Haus zu Besuch war.
Ein zweites Buch, in dem man die Spuren findet
Fündig wird man auch in der Chronik der Gemeinde Reil – Tausend Jahre Reil, herausgegeben von unserer eigenen Ortsgemeinde: Sie enthält ein eigenes Kapitel über Paulo Evaristo Arns und Zilda Arns-Neumann. Dort steht schwarz auf weiß:
„Seine Eltern waren das aus der Moselgegend (Reil) eingewanderte Ehepaar Gabriel Arns und Helena Steiner."
Auf derselben Seite ist ein Foto abgedruckt: der Kardinal, umringt von Verwandten aus Reil. Ich kenne die drei Personen neben ihm gut – es sind meine Großeltern Hannelore und Rainer Arns und mein Urgroßvater August Arns. Vermutlich ist das Foto bei seiner Kardinalsweihe entstanden, am 5. März 1973 in der Peterskirche in Rom – so erinnert es zumindest die Familie, ganz sicher bin ich mir da nicht.
August Arns ist überhaupt derjenige, der in dieser Geschichte am meisten gegraben hat. Er betrieb Ahnenforschung und reiste 1960 selbst nach Brasilien – lange bevor irgendjemand ein Buch darüber schrieb. Was er damals herausfand oder mitnahm, weiß ich nicht im Detail. Aber ohne ihn wüssten wir wahrscheinlich heute noch weniger als das bisschen, das ich als Kind mitbekommen habe.
Warum ich das nicht für mich behalten will
Ich hätte diese Geschichte auch einfach für mich behalten können – eine nette Anekdote für Familienfeiern, mehr nicht. Aber seit ich am Weingut arbeite, merke ich, dass sie größer ist als das. Jedes Jahr stehen Nachfahren von Auswanderern bei uns vor der Tür – nicht nur aus Brasilien, auch aus den USA –, die den Spuren ihrer Vorfahren an die Mosel folgen. Neugierig, oft ein bisschen überwältigt, und fast immer sehr interessiert an dem, was wir hier machen. Diese Geschichte ist also nicht nur unsere. Sie gehört zu einem größeren Muster: Menschen gehen, Menschen bleiben, und irgendwann trifft man sich wieder.
Deshalb wird das hier nicht der einzige Artikel zu diesem Thema bleiben. In den nächsten Teilen erzähle ich mehr über Zilda Arns und die Pastoral da Criança, über den Kardinal und seinen Widerstand gegen die Diktatur, über die Auswanderung aus der ganzen Region – und darüber, wie es sich für mich anfühlt, heute an genau dem Ort Wein zu machen, von dem aus vor fast 200 Jahren ein Teil unserer Familie aufgebrochen ist.
Zum Schluss: ein Wein für diese Geschichte
Wenn eine dieser Auswanderer-Familien von 1846 aus Briedel kam – der Familie Back, mit der Nikolaus Arns gemeinsam aufbrach –, dann liegt die Empfehlung für mich nahe: unser Briedeler Weißerberg Riesling trocken. Eine Einzellage genau aus dem Nachbarort, aus dem ein Teil dieser Geschichte stammt. Schlank, elegant, mit einem Hauch Pfirsich – ein Wein aus genau der Erde, die diese Familien vor fast 200 Jahren verlassen haben. Bio-zertifiziert, von Hand gelesen, wie alles bei uns.
Wer mehr von unseren Weinen kennenlernen will, findet die ganze Auswahl im Shop.
Für Interessierte geht es hier zum Buch „MoselbrasilianerInnen“. Wer tiefer einsteigen möchte, findet außerdem den Beitrag „Weggehen, ankommen, gestalten“ im taz-Blog Latinorama sowie den Artikel „Was ein Merler im 19. Jahrhundert in Brasilien bewegt“ in der Rhein-Zeitung.