Der Kardinal: Paulo Evaristo Arns und der Widerstand gegen die Diktatur

|Alexander Arns
Kardinal Paulo Evaristo Arns, 1982. Foto: Marcel Antonisse / Anefo, Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 NL, Wikimedia Commons
Kardinal Paulo Evaristo Arns, 1982
Kardinal Paulo Evaristo Arns, 1982. Foto: Marcel Antonisse / Anefo, Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 NL, Wikimedia Commons

Im ersten Teil dieser Reihe habe ich erzählt, wie eine Lesung in Pünderich mich wieder an unsere Verwandtschaft in Brasilien erinnert hat . Im zweiten Teil ging es um Zilda Arns und ihre Arbeit für die Pastoral da Criança . Jetzt zu ihrem Bruder, der der bekannteste unter unseren brasilianischen Verwandten ist: Paulo Evaristo Arns, Kardinal von São Paulo. Seine Geschichte ist die längste in dieser Reihe, und sie ist auch die politisch schwierigste. Es geht um eine Militärdiktatur, um Folter, und um die Frage, was ein einzelner Mensch mit seiner Stellung dagegen tun kann.

  • Paulo Evaristo Arns (1921–2016) war Erzbischof von São Paulo und ab 1973 Kardinal – Sohn deutscher Einwanderer aus der Moselgegend Reil.
  • Während der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) stellte er sich offen gegen Folter und Menschenrechtsverletzungen.
  • Mit dem Pastor Jaime Wright leitete er das geheime Projekt „Brasil: Nunca Mais", das über eine Million Aktenseiten aus Militärgerichtsverfahren dokumentierte.
  • Im Juni 2026 wurde er dafür postum von der Journalistengewerkschaft São Paulo mit dem Troféu Audálio Dantas geehrt.
  • Ein Familienfoto in der Chronik der Gemeinde Reil zeigt ihn mit meinen Großeltern und meinem Urgroßvater – vermutlich bei seiner Kardinalsweihe 1973 in Rom.

Aufgewachsen zwischen Kleinbauern und einer verweigerten Freundschaft

Paulo Evaristo Arns wurde am 14. September 1921 in Forquilhinha geboren, einer kleinen Ortschaft bei Criciúma im Bundesstaat Santa Catarina. Die Gegend war eine alte deutsche Einwanderer-Kolonie, in der sich Nachkommen von Auswanderern aus verschiedenen Teilen des Deutschen Reichs niedergelassen hatten. Er war das fünfte von 13 Kindern. Seine Eltern, Gabriel Arns und Helena Steiner, waren Kleinbauern deutscher Abstammung – eingewandert aus der Moselgegend, aus Reil.

Das ist keine Familienerzählung, sondern doppelt belegt: sowohl im Buch MoselbrasilianerInnen (Eisenbürger/Küppers, Rhein-Mosel-Verlag 2026) als auch in der Chronik der Gemeinde Reil – Tausend Jahre Reil (Ortsgemeinde Reil, ISBN 978-3-00-028865-4, S. 405), zwei Quellen, die unabhängig voneinander entstanden sind.

Vom Franziskanerorden nach Paris und zurück in die Favelas

Mit 18 Jahren trat Arns 1939 oder 1940 in den Franziskanerorden ein, das Noviziat absolvierte er in Rodeio. Es folgte Philosophiestudium in Curitiba und Theologiestudium in Petrópolis. Anschließend ging er an die Sorbonne in Paris, erwarb dort ein Lizenziat in klassischen Sprachen und promovierte in Literaturwissenschaft mit einer Arbeit über Hieronymus von Stridon, den Kirchenvater und Bibelübersetzer.

Am 30. November 1945 wurde er in Petrópolis zum Priester geweiht und nahm den Ordensnamen Evaristo an. Danach lehrte er als Professor für Patristik – die Lehre von den Kirchenvätern – an der Franziskaner-Hochschule in Petrópolis. Was für einen Gelehrten mit Sorbonne-Abschluss ungewöhnlich klingt: Er ging täglich, schlammverschmiert, in die Slumhügel der Stadt, um dort direkt zu helfen. Über diese Zeit sagte er später, wie es die Chronik der Gemeinde Reil überliefert: „Ich habe mich in meinem ganzen Leben nie so frei gefühlt wie damals bei der direkten Hilfe für die Armen." Das ist kein frommer Spruch für eine Predigt. Es liest sich eher wie eine ehrliche Bilanz von jemandem, der später sehr viel Macht und sehr viel Verantwortung tragen musste, und der sich noch an den Moment erinnerte, als beides am wenigsten wog.

Kardinal mit der größten Diözese der Welt

1966 wurde Arns zum Bischof geweiht und als Weihbischof nach São Paulo berufen. 1970 folgte die Ernennung zum Erzbischof von São Paulo. Damals zählte die Diözese rund 14,5 Millionen Katholiken – die größte der Welt zu dieser Zeit.

Am 5. März 1973 erhob Papst Paul VI. ihn in der Petersbasilika in Rom zum Kardinal, gemeinsam mit 29 weiteren Geistlichen, darunter Albino Luciani, der später als Johannes Paul I. kurzzeitig Papst wurde (Consistório Ordinário Público de 1973, Wikipédia).

Petersbasilika im Vatikan, Rom
Die Petersbasilika in Rom, wo Paulo Evaristo Arns 1973 zum Kardinal erhoben wurde. Foto: Diliff, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Eine seiner ersten Amtshandlungen als Erzbischof zeigt, wie er seine Rolle verstand: Er verkaufte das erzbischöfliche Palais und finanzierte mit dem Erlös, laut Chronik der Gemeinde Reil über 40 Millionen Schilling, umgerechnet rund 3 Millionen Euro, Sozialstationen im Elendsgürtel São Paulos. Ein Erzbischof ohne Palais war damals ungewöhnlich. Für ihn war es offenbar naheliegend.

Das Familienfoto in der Chronik

An dieser Stelle wird die Geschichte für mich persönlich. Auf Seite 406 der Chronik der Gemeinde Reil ist ein Foto abgedruckt mit der Bildunterschrift „Kardinal Arns mit seinen Verwandten aus Reil". Zu sehen sind der Kardinal sowie meine Großeltern, Hannelore und Rainer Arns, und mein Urgroßvater August Arns. Nach Erinnerung der Familie, ganz sicher bin ich mir da nicht, entstand dieses Foto bei eben jener Kardinalsweihe 1973 in Rom. Die Chronik selbst bestätigt den Anlass nicht, sie zeigt nur das Foto.

Mein Urgroßvater August Arns hatte schon Jahre vorher begonnen, sich mit der Familiengeschichte zu beschäftigen. 1960 reiste er selbst nach Brasilien – lange bevor irgendjemand ein Buch über die Auswanderung aus Reil schrieb. Was genau er dort herausfand, weiß ich nicht im Detail. Aber dass es dieses Foto überhaupt gibt, dass die Verbindung zwischen Reil und São Paulo nicht irgendwann im Lauf der Generationen verlorenging, hat wahrscheinlich viel mit seiner Neugier zu tun. Auch mein Opa Rainer besuchte mit Oma Hannelore Brasilien. Ich bin mir sicher dass es irgendwo noch spannende Informationen gibt. Bei Gelegenheit werde ich sie ausfindig machen.

Widerstand gegen die Militärdiktatur

Brasilien wurde von 1964 bis 1985 von einer Militärdiktatur regiert. Politische Gegner wurden verhaftet, gefoltert, viele verschwanden spurlos. In dieser Zeit gehörte Arns zu den wenigen kirchlichen Führungsfiguren, die sich früh und öffentlich gegen das Regime positionierten.

Er besuchte politische Gefangene, unterstützte Gewerkschaftsführer, die unter dem Regime verfolgt wurden, und engagierte sich später für die „Diretas Já"-Kampagne, die freie Präsidentschaftswahlen forderte. In São Paulo gründete er die Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, eine kirchliche Organisation, die Menschenrechtsverletzungen dokumentierte und Betroffenen half.

Diese Haltung machte ihn zu einer polarisierenden Figur. Kritiker aus dem konservativen Lager nannten ihn abfällig den „roten Bischof". Für viele andere, gerade in den ärmeren Vierteln São Paulos, wurde er zum „Kardinal der Hoffnung" oder zum „Kardinal des Volkes". Beide Bezeichnungen beschreiben denselben Mann, nur aus entgegengesetzten Richtungen betrachtet.

„Brasil: Nunca Mais" – die geheime Dokumentation der Folter

Das bedeutendste Projekt seines Widerstands begann 1979, mitten in der Diktatur. Gemeinsam mit dem presbyterianischen Pastor Jaime Wright leitete Arns ein Team, das unter größter Geheimhaltung systematisch die Prozessakten des Obersten Militärgerichts kopierte. Über einen Zeitraum von sechs Jahren wurden mehr als eine Million Aktenseiten aus 707 Gerichtsverfahren erfasst und auf 543 Mikrofilmrollen übertragen.

Das Ziel war doppelt: verhindern, dass diese Akten am Ende der Diktatur vernichtet würden, und gleichzeitig die tatsächlich angewandten Foltermethoden dokumentieren, mit denen das Regime gegen politische Gegner vorging. Da die Prozessakten selbst von der Militärjustiz stammten, konnten sie später nicht als Erfindung der Opposition abgetan werden. Die Beweise kamen aus dem System selbst.

Das Ergebnis erschien 1985, im letzten Jahr der Diktatur, unter dem Titel „Brasil: Nunca Mais" und gilt heute als Vorläufer der staatlichen Wahrheitskommission, die Brasilien Jahrzehnte später einsetzte. Bei einer Ehrung im Juni 2026 formulierte es der Jurist Luís Eduardo Greenhalgh so: „Brasil Nunca Mais war die erste nationale Wahrheitskommission." Ein Satz, der die Bedeutung des Projekts vielleicht besser trifft als jede spätere Auszeichnung.

Anerkennung, auch fast 63 Jahre später noch

Am 8. Juni 2026 wurde Paulo Evaristo Arns postum mit dem Troféu Audálio Dantas – „Indignação, Coragem, Esperança" (Empörung, Mut, Hoffnung) der Journalistengewerkschaft São Paulo geehrt, gemeinsam mit Paulo Vannuchi, Frei Betto, Ricardo Kotscho und Camilo Vannuchi. Die Ehrung würdigte ihn ausdrücklich als Journalisten, nicht nur als Kirchenmann – für die Aufarbeitungsarbeit hinter „Brasil: Nunca Mais". Dass diese Auszeichnung erst dieses Jahr stattfand und mich als Nachfahren über einen Umweg über Pünderich erreicht hat, ist einer der Gründe, warum ich diese Reihe überhaupt schreibe.

Zu Lebzeiten sammelte Arns über 100 nationale und internationale Auszeichnungen und rund 24 Ehrendoktortitel, darunter den Nansen-Flüchtlingspreis 1985 und den Niwano-Friedenspreis 1994. 1998 ging er in den Ruhestand. Zu seinem 80. Geburtstag 2001, so die Chronik der Gemeinde Reil, war er noch sehr aktiv, mit eigener Radiosendung und Zeitungskolumnen. Er starb am 14. Dezember 2016 in São Paulo, 95-jährig. Tausende Menschen nahmen in der Kathedrale Sé Abschied von ihm, darunter der frühere Präsident Lula.

Kathedrale Sé in São Paulo
Die Kathedrale Sé in São Paulo, wo Tausende 2016 Abschied von Kardinal Arns nahmen. Wikimedia Commons, freie Lizenz

Was von dieser Geschichte bei uns hängen bleibt

Ich will nicht so tun, als hätte ich mit dem, was Paulo Evaristo Arns geleistet hat, irgendetwas zu tun. Ich mache Wein an der Mosel, er hat sich gegen eine Diktatur gestellt, unter Lebensgefahr für viele Beteiligte. Das sind zwei völlig verschiedene Leben. Was mich trotzdem beschäftigt, ist die Konsequenz, mit der er gehandelt hat, sobald er in einer Position war, die etwas bewegen konnte. Er hat sein Palais verkauft, weil er fand, dass ein Erzbischof keins braucht. Er hat sechs Jahre lang heimlich Aktenseiten kopieren lassen, obwohl das für alle Beteiligten gefährlich war. Das ist eine beeindruckende Leistung und unser Verwandter ist ein echtes Vorbild für mich.

Zum Schluss: ein Wein für diese Geschichte

Wenn ein Teil dieser Reihe einen Wein verdient, der für sich selbst steht, dann dieser Teil. Bei einem Vorbild wie diesem gibt es etwas zu feiern: Ich wähle dafür unsere Reserve extra brut, die Königsklasse unseres Winzersekts – klassisch flaschenvergoren und 60 Monate auf der Hefe gereift. Kein Wein für den schnellen Genuss zwischendurch, sondern einer, der mit derselben sorgfältigen Konsequenz gereift ist, mit der Paulo Evaristo Arns sein Leben lang gehandelt hat. Bio-zertifiziert, wie alles bei uns.

Im nächsten Teil geht es um die Auswanderung der Familie Arns aus Reil insgesamt, um Nikolaus Arns und die Familien, die 1846 gemeinsam mit ihm aufgebrochen sind, und darum, was aus dieser Kolonie in Santa Catarina bis heute geworden ist.

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